Seelisch oder körperlich?


Heilung bedeutet immer Selbstheilung, ob auf der körperlichen oder seelischen Ebene

Heilung ist immer Selbstheilung. Medizinische Interventionen können eigentlich nur dazu beitragen, dass die Selbstheilungskräfte, die in allem, was lebt, stecken, dass diese Selbstheilungskräfte gestärkt werden und Selbstheilung möglich wird.“ Gerald Hüther

 

In unserer Gesellschaft unterscheiden wir, in meinem Erleben, nach wie vor sehr stark zwischen körperlicher (physischer) und seelischer (psychischer) Erkrankung.

 

Bei psychischen Problemen oder Symptomen wird davon ausgegangen, dass der Mensch hauptsächlich mit Willen und Motivation wieder gesund werden kann. Bei der körperlichen Erkrankung wissen wir zwar auch, dass der Wille und der eigene Einsatz z. B. durch Ernährungsumstellung, mehr Bewegung o. ä. sowie ein Mut machendes Umfeld einen Heilungsprozess unterstützt. Wir werten den Kranken aber nicht ab, wenn er trotzdem krank bleibt. Dies liegt dann in der „Hand Gottes“ oder ist einfach nicht beeinflussbar.

 

Bei psychischen Erkrankungen dagegen erlebe ich häufig, dass Menschen unterstellt wird, sich auf ihrem Problem auszuruhen und einen zu großen „Gewinn“ dadurch zu haben, wenn sich keine Besserung einstellt. Mit dem so genannte Krankheitsgewinn (den es bei körperlichen wie seelischen Erkrankungen gleichermaßen gibt) ist gemeint, dass der Kranke davon profitiert – z. B. von der Umwelt geschont/umsorgt wird oder den ungeliebten Job aufgeben muss (darf). Das ist sicher eine wichtige und hilfreiche Erkenntnis, die in die Behandlung mit einfließen sollte.

 

Interessanterweise wird er aber vor allem bei seelischen Krankheiten angeführt. Dabei sollte es, meiner Meinung nach, so gesehen werden: Die Klientin kann von der dysfunktionalen Überlebensstrategie noch nicht loslassen, obwohl sie vom Verstand her weiß, dass sie ihr langfristig nicht weiter hilft. Die ausgesprochene oder zumindest angedeutete Unterstellung sie wolle es wohl nicht genug, führt zu massiven Schuldgefühlen und zur Selbstabwertung – was logischerweise überhaupt nicht weiterhilft.

 

Es geht also mal wieder um unsere Bewertung: Seelische Krankheiten werden oft weniger ernst genommen als körperliche. Aber würden wir wirklich zu einem Menschen, der an Krebs erkrankt ist „du willst einfach nicht wirklich gesund werden“? Ich erlebe sehr oft, dass dies Menschen mit einer psychischen Erkrankung zu hören bekommen: „Jetzt hast du schon so viel Therapie gemacht, das muss doch mal helfen.“ Natürlich muss eine psychische Erkrankung nicht so hingenommen werden wie eine Krebserkrankung. In der Regel ist sie nicht so lebensbedrohlich und die Chancen, dass Psychotherapie zu einer deutlichen Verbesserung oder Heilung führen kann, ist ganz klar vorhanden (ist inzwischen aber auch bei Krebserkrankungen deutlich verbessert).

Und trotzdem kann es länger dauern als uns lieb ist. Man kann einer psychischen Erkrankung ähnlich ausgeliefert sein wie einer körperlichen. Und die Wege der Verbesserung sind ähnlich: Akzeptanz, dass es so ist (was schwer ist und oft Zeit braucht!! Und was nicht heißt, es gut zu finden!!) und wie es trotzdem möglich wird, den Alltag zu meistern, was (noch) nicht geht und was möglich ist und wo es weiter hilft Herausforderungen anzunehmen und eben nicht aus Angst zu vermeiden (dahinter versteckt sich oft der vermeintliche Krankheitsgewinn).

 

Das Erkennen, dass es womöglich einen Gewinn gibt, wenn ich die Krankheit behalte, ist durchaus lohnenswert. Es zeigt, dass es einen guten Grund gibt, die Störung bzw. die bisherige (Überlebens) Strategie beizubehalten. Sich dafür aber zu verurteilen hilft nicht weiter und ist auch zu sehr auf dem Bild aufgebaut, dass wir alles verändern können. Die Chance etwas zu verändern, ist aber immer vorhanden – selbstverständlich in unterschiedlichem Ausmaß.

 

In systemischen Aufstellungen, die sich speziell um Körpersymptome drehten, habe ich zudem selbst erlebt, dass körperliche Erkrankungen häufig mit nicht gelösten mehrgenerationalen Themen zusammen hängen können, die von der Person sozusagen geerbt und im eigenen Leben ohne Wissen etabliert wurden. Außerdem zeigte sich häufig, dass körperliche Symptome mit früheren seelischen Verletzungen zusammenhängen.

 

Oft sind die Symptome nach der Aufstellung nicht einfach verschwunden, obwohl auch das immer wieder geschehen ist, aber die Person entwickelte eine veränderte Haltung und inneren Frieden im Umgang mit der Krankheit, was im Nachhinein und langfristig als sehr hilfreich erlebt wurde und zu Veränderungen führte.